Von Fehmarn zum Grünen Band

Um 11:20 Uhr passiere ich wieder die Fehmarnsundbrücke – diesmal in der anderen Richtung. Der Deutsche Wetterdienst hatte wieder die rote Windhose in seiner App gehisst und so fiel mir die Wahl nicht schwer. Aus dem Busfenster sehe ich Radfahrer, die ihre Räder ohne Schieflage über die Brücke schieben. Von vorne kommt sogar eine Radlerin mit einem kleinen Hund im Lenkerkorb. Na die hat Nerven! Ich bin jedenfalls froh im Bus zu sitzen, auch wenn die Böen sich laut Wetterbericht auf 60 km/h verringert haben. An der mir schon vertrauten Haltestelle in Großenbrode steige ich aus. Der Anfang der Strecke bis Oldenburg in Holstein ist mir ganz vertraut. Doch auf dem Marktplatz lässt mich diesmal eine Installation innehalten. Ein wandernder Mönch ist darauf zu sehen und drei Fragen neben seiner Gestalt: 

Woher kommst du?
Wohin gehst du?
Wo wirst du bleiben? 

Das sind auch die Fragen, die mich auf der Tour umtreiben. Heute kann ich alle ganz profan beantworten: Aus Fehmarn von Franzi und Sebastian! Nach Süsel! Bei Swantje und Micha!

So auf die Reisebasics zurückgeworfen beschließe ich dem Mönch zu folgen und schlage seinen Radweg ein. Dabei fällt mir ein Spruch ein, der sich mir aus einem Roman von Johannes Mario Simmel eingeprägt hat: „Ich bin, ich weiß nicht wer, ich komme, ich weiß nicht woher, ich gehe, ich weiß nicht wohin, mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“ Ich war 16 als ich das Buch las und den Spruch kann ich seit damals auswendig.

Ja, das bin ich wohl – fröhlich – meistens jedenfalls. Und so radele ich munter einen kleinen Kanal entlang und lande auf dem Hof eines Gemüsebauerns. Eigentlich will ich nur eine große Möhre fotografieren, die an seiner Scheune angebracht ist, doch da er mitten im Hof steht, komme ich nicht umhin, ihm zu sagen, was mich zu ihm treibt. „Die Möhre steht für seinen Spitznamen“, erklärt prompt ein Freund, der neben ihm steht. „Wöddel“, dass sei der plattdeutsche Name für Wurzel – sprich Möhre. Ich kann nichts möhrenhaftes an ihm entdecken. Außer dass er schlank und groß ist und ihm die Haare etwas strubbelig vom Kopf abstehen. Aber rot sind sie nicht. Wahrscheinlich hat er den Spitznamen ja wegen seines Berufs. Aufs Foto bekomme ich ihn allerdings nicht und so nehme ich sein umgekehrtes Angebot an und setze mich selbst unter der Möhre. Meine Regenjacke hat jedenfalls die passende Farbe. 

Überhaupt erscheinen mir die Norddeutschen gar nicht so wortkarg wie ihr Ruf.  Auf dem Mönchsweg über die Dörfer radelnd, halte ich an einem Haus an, vor dem blühende Stockrosen in dunkellila, rosa und weiß stehen.

Sie sehen zauberhaft aus und ich fotografiere sie mit Hingabe und aus verschiedenen Blickwinkeln. Als ich fertig bin und wieder auf mein Rad steigen will, höre ich eine Stimme hinter mir: „Wie schön, dass ihnen die Blumen so gut gefallen.“ In der Einfahrt gegenüber steht ein flotter Rentner mit Kaffeebecher in der Hand, der mir offenbar schon eine Weile zugeschaut hat. Er sucht offensichtlich zu seinem Kaffee noch eine Plauderei und so reden wir ein bisschen über Stockrosen und das Wetter. Seinen Satz „Ab Freitag wird es wieder Sommer!“ nehme ich als mein Aufbruchssignal, steige aufs Rad und stemme mich gegen den Wind, der heute meist von vorn kommt und auch einzelne Regenwolken vor sich her treibt. Die nächste scheint im Anmarsch zu sein und da will ich noch etwas Land gewinnen.

Kurz vor Kloster Cismar erwischt mich der Regen, aber es ist nur ein zarter Schauer, der gleich weiterzieht. Doch die nachfolgende Wolkenschar ist dichter, ereilt mich an der Ortseinfahrt von Neustadt in Holstein und spült mich dort in die Bäckerei am Marktplatz. Schade, so kann ich gar nicht die Seepromenade würdigen, die mir vor lauter Nässe auf meiner Brille nur verschwommen vorbeizufliegen schien. Nach einem Butterkuchen ist es 17 Uhr, die Bäckerei schließt und ich habe nur noch 8 Kilometer bis zu meinem Ziel.

Die Fahrt dahin im Gegenwind vertreibe ich mir damit, dass ich den heutigen Tag noch einmal Revue passieren lasse: Wind, Felder, Endmoränenlandschaft, ein Mönch, Möhren, Stockrosen, nette Männer, Regenschauer und noch mal Wind.

Und damit bin ich bei dem letzten Punkt der Mönchsweisheit angelangt. Wo bleibst du? Auf mein Klingeln öffnet Micha die Haustür. Das Abendessen ist schon vorbereitet und den Zeitpunkt bis Swantje heimkommt, überbrücken wir mit einem frischen Frascati. Micha ist gerade von einer Motorrad-Scout-Tour zurück und passenderweise war er in einer Gegend, in die mich meine Fahrt entlang des grünen Bandes auch führen wird. Victors Hotel in der Nähe von Duderstadt merke ich mir gleich vor und natürlich werde ich auch das Zisterzienserkloster in Walkenried im Harz besuchen und dafür richtig Zeit einplanen. Denn nach Michas Beschreibung, könnte man dort auf den Spuren des Wirtschaftimperiums der weißen Mönche gut die Zeit vergessen, so spannend sei die Ausstellung. 

Das Abendessen ist dann jenseits allem, was sich Mönche auf ihren Wanderungen an irdischem Labsal vorstellen konnten. Köstliches frisch eingelegtes Gemüse als Vorspeise gefolgt von einer Pasta zum Niederknien – um im Mönchsjargon zu bleiben. Und so sinke ich wenig später ganz selig in das mir bereitete Bett. 

Am nächsten Morgen bekomme ich beim Aufbruch auch noch ein Verpflegungspaket mit auf den Weg – bestehend aus zwei Hamburger Schnitten. Das ist Schwarzbrot mit Käse belegt und einem Weißbrotdeckel. Damit auf beste ausgerüstet starte ich frohgemut in den Tag, der mich zum Einstieg auf ‚meinen‘ Eurovelo 13 bringen wird. Diesmal radle ich das deutsche ‚Grüne Band‘ entlang. Vom Priwall im Norden bis zum Dreiländereck bei Hof, das ja mittlerweile schon zum Dreh- und Angelpunkt meiner Alleintouren geworden ist. 

Doch vorher halte ich meine Nase noch einmal in den Ostseewind. Verheissungsvoll glitzert das Wasser zwischen den Strandkörben, als ich nach wenigen Kilometern Haffkrug erreiche. Doch für einen Morgenschwumm ist es mir immer noch zu frisch. So radle ich die noch morgendlich leere Promenade entlang und sehe zu, wie die Ferienorte allmählich erwachen. Die ersten Strandkorbverleihe öffnen und ein Strandkorbvermieter verweist mich auch gleich mit ausgestrecktem Arm auf den Radweg, der in gehörigem Abstand vom Strand entlang führt. Immerhin ruft er mir ein freundlichen „Danke“ hinterher, als ich seinem Hinweis folge. So radele ich über Scharbeutz und Timmendorfer Strand nach Travemünde. Die Strandkörbe stehen dicht gedrängt am ansonsten noch ziemlich leeren Strand. Alles wirkt aufgeräumt und bereit. Noch haben erst wenige Bundesländer Ferien und mehr als 22 Grad sollen es heute auch nicht werden. Warm genug allerdings, dass ich mich an der Travemünde Promenade in den Strandkorb eines Cafés setze und mit einem Kaffee Abschied von der Ostsee nehme. 

Die Fähre zum Priwall ist gleich um die Ecke und um 12:30 Uhr setze ich zum zweiten Teil meiner Radreise über. Vorbei die Freundesbesuchsrunde, jetzt heißt es wieder: Das Rad, der Weg und ich. Die 13 im Sternkreis der Europäischen Union hängt schon unter dem nächsten Radwegschild. Das grüne Band erwartet mich.

 

 

 

3 Kommentare
  1. Jutta
    Jutta sagte:

    … das hört sich bisher ja alles wunderbar an! Bissi frisch vielleicht, hier ist es dauerheiß und null Regen. Gute Fahrt!!

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  2. Nika
    Nika sagte:

    Liebe Siby, danke fürs Teilen. Bin so gerne in Gedanken dabei. Du schreibst so, dass ich alles vor mir sehe, sogar den frischeren Wind spüre. Die Hamburger Schnitte! Die hat bei uns Tradition. Ich wusste nur nicht, dass sie so heißt. Die Stockrosen liebe ich auch, weil sie mir so ungeniert über den Kopf wachsen. Und die Norddeutschen habe ich noch nie für schweigsam gehalten. Lauter Stickworte, bei denen ich andocken kann. Auch beim Mönch und Mario Simmel 🙂
    Das Dreiländereck, dein Ziel, ist ja etwas eine Mogelpackung. Zwei Bundesländer und Tschechien, naja. Das echte Dreiländereck ist ja hier im Süden, zwischen Deutschland, der Schweiz und Frankreich. Aber was soll’s. Ich freue mich, weiter huckepack mit dir das grüne Band zu erforschen. Gute Fahrt.

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    • Sibylle Heyn
      Sibylle Heyn sagte:

      Natürlich hast du recht, liebe Nika. Das ist kein echtes Dreiländereck. Es hat den Namen noch aus der Zeit vor 1990. Und die „Freistaaten“ Sachsen und Bayern freut‘s jetzt 🤪.

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