Wie der Wind weht
Um kurz vor 10 Uhr starte ich. Es ist mein dritter Tag, den ich in diesem Jahr auf meiner Tour durch Deutschland unterwegs bin. Ich bin an der Ostsee am Schönberger Strand, wenige Kilometer unterhalb der Kieler Förde. 80 Kilometer liegen heute vor mir. Der Wind kommt direkt von hinten und ich radele beschwingt am Deich entlang. Nicht wie gestern vor dem Deich direkt am Strand, dafür weht es heute zu stark. Böen bis zu 75 h/km sind angesagt. Die Landschaft fliegt neben mir her und die nächsten 10 km an der Landstraße entlang stören mich gar nicht, so flott gehen sie vorüber. Der Wind fegt über die Landschaft und lässt sie silbern glitzern. Ich genieße die leichte Fahrt, fühle mich aufs Angenehmste vorwärts geschoben und mache kaum Pausen, außer um zu fotografieren und aufs Klo zu gehen. Es gibt sehr gepflegte öffentliche Klos hier an der Ostsee. Das war mir gestern schon aufgefallen.
In Hohwacht blicke ich von einem Aussichtspunkt auf den Klippen Richtung Fehmarn – meinem heutigen Ziel. Doch die Insel verbirgt sich in Diesigkeit. Dann geht es über hölzerne Brücken durch ein Binnenseegebiet, in dem Seeschwalben über dem Broek (das ist eine Verbindung zwischen Binnensee und Meer wie ich von einer Infotafel erfahre) flatternd in der Luft stehen und dann die Beute im Auge aufs Wasser runtersausen.
Eine Ecke weiter pickt ein Kiebitz im nassen Sand. Bei Kiebitzen denke ich immer an meinen Opa, von dem ich das Wort kiebitzen gelernt habe. Er war ein durchaus gewiefter Kartenspieler.
Ich würde ja an einem Café anhalten, aber nichts, was sich am Wegrand anbietet, gefällt mir. So fahre ich weiter, komme nach Oldenburg und mittlerweile knurrt mir deutlich vernehmbar der Magen. In der mäßig hübschen Fußgängerzone finde ich eine Bank und esse dort mein mitgenommenes Brötchen. Die Eisdiele verlockt mich nicht zum Bleiben, es windet zu sehr. Von Oldenburg fahre ich wieder an die Küste nach Heiligenhafen, finde dort aber auch nichts Hübsches zum Verweilen und so nähere ich mich der Fehmarnbrücke, die schon am Horizont zu sehen ist. Eine junge Radfahrerin überholt mich und fragt mich, ob ich mit Übernachtungen unterwegs sei. Ich erzähle ihr, dass ich eine Freundin auf Fehmarn besuche. „Na, dann lassen sie sich mal nicht von der Brücke pusten“, ruft sie mir zu. So ein Quatsch denke ich, lache sie an und sage: „Bestimmt nicht!“ Eine halbe Stunde später denke ich das nicht mehr, als ich am Anfang der Brücke stehe und mich nicht weiter nach vorne traue. Der Wind knattert laut und wie durch einen Verstärker in meinen Ohren, er kommt jetzt rechtwinklig von der Seite und es kostet mich alle Kraft, mich gegen ihn zu stemmen und mich und das Fahrrad dabei weiter nach vorne zu schieben ohne dass der Wind es mir aus den Händen reißt. Ich schaue nach vorne, sehe die lange Strecke (der Anfang des Brückenbogens liegt noch 10 Meter vor mir) und gebe auf. Das Knattern des Windes und seine unberechenbare Kraft machen mir Angst und nach kurzem Zögern, drehe ich um. Was auch nicht einfach ist, denn der Weg ist schmal und vom Brückengeländer und Fahrbahnpollern begrenzt. Als ich wieder die Gittertür am Brückenzugang erreiche, will gerade ein junges Paar mit seinen Rädern hindurch. „Tut das nicht. Das geht nicht“, platze ich heraus. Ratlos schaut mich das Pärchen an, während sich fünf männliche Radfahrer meines Alters nähern. Noch atemlos berichte ich von meinem Brückenerlebnis. „Aber wir müssen rüber“, sagt einer der Männer. „Wir haben drüben das Hotel gebucht.“ „Kommen sie mit,“ meint ein anderer von ihnen. „Wir nehmen Sie in unsere Mitte.“ Aber ich will nicht mehr, auf keinen Fall. Der Schreck sitzt tief. So schieben die sieben los und ich rufe meine Freundin Franzi an.
„Ich komm nicht über die Brücke“, rufe ich ins Handy. „Gibt es nicht eine Fähre?“ „Nein – seit es die Brücke gibt nicht mehr“, meint sie gleich. „Aber der Bus müsste dich in Großenbrode eigentlich mitnehmen. Ich recherchiere das.“ Ihre ruhige Stimme zu hören tut gut und so mache ich mich schon etwas erleichtert auf den Weg zurück in den Ort. „Der X85 sollte dich mit dem Fahrrad mitnehmen“, meldet sich Franzi kurze Zeit später. „Er fährt vorm Rathaus ab.“ Wenig später habe ich die Bushaltestelle erreicht. Eine Anzeigetafel zeigt dort die nächsten Abfahrten an. 17:25 Uhr in Richtung Lübeck. 17:31 Uhr Richtung Puttgarden. Na, hoffentlich nehmen die auch das Rad mit. Ich frage den ersten Busfahrer, der mit dem 17:25 Bus kommt. Ja, meint er, der Kollege nimmt sie mit. Machen sie schon mal den Akku ab. Das tue ich, verstaue ihn in der Packtasche und warte gespannt. Der Bus kommt pünktlich und der Busfahrer schaut mich ernst an. „Ach so“, antwortet er auf meine Frage, ob er mich und das Fahrrad mitnehmen könnte. „Sie machen eine Radtour und dann wollen sie mit dem Bus fahren.“ Er schüttelt den Kopf und ich fange an, ihm meine Brückengeschichte zu erzählen in der Meinung, er wolle mich abweisen. Da merkt er wohl, dass mir mein Sinn für Humor gerade komplett verloren gegangen ist, steigt aus seinem großen Bus und nimmt sich meines Rads an. „Packen sie mal vorne an“, sagt er. „Wir heben das Rad in den Bus rein.“ Ich will noch die Taschen abmachen. Das sei nicht nötig, sagt er und schaut mich dann kurz an. „Und seien Sie mal nicht so aufgeregt.“ Da merke ich, wie mir der Schreck immer noch in den Knochen sitzt, und packe den Lenker.

Wenig später fahren wir in dem großen Bus sanft über die Brücke und schon eine Viertelstunde später steige ich am Bahnhof in Burg aus. Von da geht es noch zweimal um die Ecke und dann stehe ich vor Franzis und Sebastians Haus. Es ist kurz nach sechs, als mir Franzi die Tür öffnet. Selten war ich so froh, angekommen zu sein.



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