Folge dem Wasser

Kaum bin ich durch das erste mecklenburgische Dorf gefahren, da präsentiert sich mir schon das grüne Band: Als grüner Rasenstreifen einer Plattenweg-Allee. Ich fühle mich begrüßt!

Die Eurovelo 13-Route (EV13) führt mich von Dassow nicht auf dem direktesten Weg Richtung Lübeck, sondern dreht noch eine Runde über Schönberg. Ein wirklich schöner Ort, der seinen Namen verdient, denke ich, und bedauere den Umweg nicht. Backsteinhäuser säumen die Straße. Eins am anderen, kein Platz dazwischen, kein Garten davor, nur rote Häuser. Und erstaunlicherweise auch keine Autos. Ein Eindruck, wie der Ort vor 100 Jahren ausgesehen haben mag.

Als ich mich der ehemaligen Grenze nähere, taucht links ein großer Hügel auf, der auffällig planiert ist und da dämmert es mir. Die Deponie Schönberg, hier ist sie. Bundesdeutscher und westeuropäischer Giftmüll wurden dort von der DDR gegen Westgeld entsorgt. Der Name ist mir geläufig, nur nicht wo sich dieser Ort befand. Wie ich sehen kann, herrscht dort weiterhin rege Tätigkeit. Unter anderen, umweltbewußteren Bedingungen, wie zu hoffen ist.

Kurz darauf passiere ich den ehemaligen Grenzübergang in Schlutup und halte an der Grenzdokumentationsstätte an. Sie ist geschlossen und ich schaue mir die Aussenanlage mit ehemaligem Grenzzaun, Grenzposten und Gedenktafeln für vier Fluchtopfer an. Es ist immer wie ein grauer Schleier, der sich dabei über die eigene Stimmung legt. Hier wird Geschichte dokumentiert, die ich miterlebt habe.

Die ganze Gegend hat etwas Bizarres wie ein Zwischenreich. In einem Gewerbegebiet durch das ich anschließend fahre, ist ein geschlossenes Lager für Ersatzteile von Brieftauben. So steht es zumindest an der Hauswand. Scherz oder Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges? Samistat mit Tauben? 

Während vor meinem inneren Auge ein beringter Schwarm mit regimekritischen Botschaften aufsteigt, lichtet sich das Gelände und vor mir liegt eine Seenlandschaft. Wo kommt die denn her? Am gegenüberliegende Ufer ist eine Prachtvilla zu sehen, malerisch machen sich Seerosen auf dem Wasser breit und eine Bank lädt zum Hinsetzen ein. Ein ziemlich abrupter Szenenwechsel.

Ich bin an der Wakenitz, die Lübeck mit dem Ratzeburg See verbindet und von niemand geringerem als dem Meeresforscher Jacques Cocteau liebevoll als der „Amazonas des Nordens“ bezeichnet wurde. Es ist ein Naturschutzgebiet, dass sich der ehemaligen innerdeutschen Grenze verdankt. So nah beieinander. Was für die Menschen in der DDR Eingesperrtsein bedeutete, bot der Natur Raum sich frei zu entfalten. 

Durch dieses Feuchtgebiet schlängele ich mich auf schmalen erdigen Pfaden durch eine Waldlandschaft. Ab und an taucht die Wakenitz wieder auf, sagt kurz Hallo, dann geht es wieder durch das nächste Wäldchen. Einmal fährt ein Kanufahrer nur durch lichtes Gehölz getrennt an mir vorbei. So versöhnlich endet meine heutige Tagesetappe und passenderweise übernachte ich in einem Kanu-Camp. Es liegt am nördlichen Ufer des Ratzeburg Sees und hält einen Schäferwagen für mich bereit.

Noch liegt er in der Sonne, die den gemütlichen Innenraum aufgewärmt hat, in dem ich mich nach einem guten Abendessen im Fährhaus Rothenhusen genüsslich einrichte. Die Nacht ist kühl, aber die Decke warm genug. Nur die Blase treibt mich mitten in der Nacht hinaus. Mit einem Mückenstich in der Kniekehle kehre ich ins Bett zurück und schlafe weiter bis 7 Uhr. Dann erwacht die Wiese, an der mein Wagen steht, und erste Camper laufen an meinem Fenster vorbei zum Waschraum. 

Es gibt kein Frühstück im Camp, aber einen Wasserkocher im Wagen. Schlauerweise habe ich Eduscho-Instanttütchen eingepackt und trinke das wärmende Etwas, während ich meine Sachen zusammenpacke. Um 8:40 Uhr „lege ich ab“ und radele Richtung Ratzeburg, wo ich frühstücken will. Von unterwegs schicke ich eine Nachricht an Ruth, deren Freund aus Ratzeburg stammt, ob sie mir eine Frühstücksempfehlung geben kann.

Ich bin auf der mecklenburgischen Seite des Sees und bestaune in Utecht – dem nächsten Ort – die Gutshäuser und eine schöne alte Baumallee. Die Nähe zu Lübeck hat offenbar geholfen, dass die alten Höfe saniert wurden. Und während ich das denke, kommt eine dunkle Mercedeslimousine mit Lübecker Kennzeichen aus der Seitenstraße. Na siehste!

Die Strecke führt mich auf und ab, der See ist mehr zu erahnen als zu sehen, nur manchmal blitzt er zwischen Bäumen in der Ferne hervor. Die Landschaft ist hügeliger als ich erwartet hatte. Endmoränenlandschaft halt. Auf Informationstafeln erfahre ich, dass es hier einen Gebietstausch gab, bei dem die britischen und die sowjetischen Besatzungsmächte 1945 Dörfer von der einen Zone in die andere verschoben. Mit erheblichen Folgen für die Bevölkerung im dann sowjetischen Teil. Wer früh genug davon erfuhr, packte häufig seine Siebensachen und machte sich auf den Weg zu den Briten. Die verlassenen Häuser in den Dörfern füllten sich bald darauf mit deutschen Kriegsflüchtlingen aus dem Sudetenland und Bessarabien (heute Moldawien). Die waren froh über eine neue Bleibe – egal in welcher Zone.

Als ich den Ratzeburger Dom erspähe, ist es immer noch bewölkt und mit 18 Grad auch nicht gerade warm. Von Bäk, einem Dorf das heute quasi ein Vorort von Ratzeburg ist, und damals zu den Briten kam, fahre ich am Hochufer des Domsees entlang durch Wald auf die Inselstadt zu. Ruth hat sich gemeldet und mir die Bäckerei am Marktplatz empfohlen. Ein guter Tipp. Die Bäckersfrauen sind gut drauf und es gibt herrliche Frühstückszusammenstellungen. Ich nehme das „Gute-Laune-Frühstück“ mit drei herzhaften Aufstrichen und einem süßen und lasse es mir schmecken. Lausche dabei dem ungewohnten Tonfall der Einheimischen. Er klingt so viel bestimmter als bei uns. So deutlich und klar.

Als ich die Bäckerei verlasse, stehe ich vor einem großen Gebäude, dass sich als Kirche entpuppt. Die einzige Querschiffkirche in Nordelbien steht aussen dran. Das klingt verheißungsvoll, das Wort Nordelbien klingt nach „Herr der Ringe“ und ich trete ein. Es ist ein besonderer Ort, das spüre ich gleich. Ungewöhnlich sowieso, so quer und wie ein Theatersaal eines Fürsten anmutend. Auf der linken Seite entdecke ich eine Figur, die ein halbmondförmigen Stuhlkreis umschließt. Es ist eine Bronzestatue, eine Figur von Ernst Barlach – „Lehrender Christus“ heißt sie – und die Stühle laden zum hinsetzen ein. Ein Ort der Stille. Zum Ankommen, was ich gerne annehme. 

Ganz anders der Ratzeburger Dom. Hier herrscht Backsteinromanik. Ursprünglich unter Heinrich dem Löwen erbaut, besticht mich der Raum durch seine klare Struktur. Vor der Vierung hängt ein Triumphkreuz mit Jesus, Johannes und Maria. Das Kreuz ist als Lebensbaum dargestellt. Es ist das älteste Bildwerk des Doms (um 1260). Mal kein pures Leid. Um 12:15 Uhr gibt es eine Mittagsandacht, an der ich spontan teilnehme. Ein bisschen Segen für meine Reise kann nicht schaden. 

Der Himmel ist immer noch bedeckt, als ich wieder aufs Rad steige und noch eine Runde durch die Inselstadt drehe. Auf dem Küchensee paddelt ein Kanu mit vielen Paddlern und Steuermann Ich denke sofort an den legendären Ratzeburger Achter. Auch wenn es „nur“ Kanuten sind. Vom Küchensee fahre ich zurück an den Domsee (beide sind Teile des Ratzeburger See) und mache mich auf den Weg zum Schaalsee, wo ich zwei Nächte verbringen werde. Auf der Seite, die auch getauscht wurde und zur DDR kam. 

Doch bis dahin fahre ich auf dem grünen Band. Immer wieder führt die Strecke über Plattenwege, die an Kolonnenwege erinnern. Zum Teil beiderseits von Hecken gesäumt und damit windgeschützt. Die Norddeutschen wissen mit ihrer Windlandschaft umzugehen. 

Infotafeln erinnern an die ehemalige Grenzbefestigungen. Bauern durften im Sperrgebiet nur niedrig Wachsendes anpflanzen, damit sich kein Flüchtender darin verbergen konnte. Der EV13 führt mich weiter nach Dechow, einem Ort der für seine schönen restaurierten reetgedeckten Häuser gerühmt wird. Am Dorfplatz finde ich etwas verschämt unter einer alten Eiche eine ummauerte Inschrift: „Vom Ich zum Wir – 1960“ steht da. Eine alte Schautafel präsentiert verblichene Fotografien. ‚Die Kollektivierung auf dem Land’ lautet die noch lesbare Überschrift. Hat wohl nicht funktioniert, das zwangsweise ‚Wir’, so lese ich die Botschaft des Ensembles. Wenn ich mich umschaue, sehe ich renovierte Höfe. Vor einem steht ein rotes Sportcabrio. Viele zufriedene Ichs, so sieht es hier aus.

 

Am Ortsausgang finde ich eine weitere Inschrift. Nicht verblichen, sondern stolz aufgestellt. Die Tafel steht vor dem Dorfgemeinschaftshaus, das – so ist darauf zu lesen – von den jetzigen Dorfbewohner in 60.000 freiwillig und unentgeltlich geleisteten Arbeitsstunden saniert wurde. Eine schöne Resonanz auf das verordnete Wir von 1960.

Und damit nicht genug. Dechow liegt an einem kleinen See, an den ich unvermutet gelange, als ich um ein altes Gehöft herum fahre. Auf einer Bank direkt am Wasser esse ich meine zweite Hamburger Schnitte von Micha. Der See gehört den Schwänen, kein Haus ist zu sehen. Wasserläufer bevölkern das Uferwasser und Libellen schwirren aus dem Schilf. Hier scheint die Welt völlig in Ordnung.

Jetzt ist es nicht mehr weit zum Schaalsee. Ich folge offenbar dem Wasser in diesem Abschnitt des Radwegs. Unvermutet ist es plötzlich da und überrascht mich. So geht es mir auch am Schaalsee. Ich lese wieder eine Tafel am Wegrand über ein geschleiftes Gut im Sperrgebiet, fahre um eine Ecke und da blitzt er mich aus dem Unterholz an. Eine kleine Badestelle, die sich einen Platz im Schilf erobert hat. 

Eine Viertelstunde später bin ich da. Die Rezeption des B&B  Seeblick hat gerade um 16 Uhr geöffnet und der hagere Wirt zeigt mir mein Zimmer im Nebenhaus. Es ist groß und hell aber nach vorne raus und ich frage ihn, ob es noch ein freies Zimmer nach hinten raus gibt – in der trügerischen Hoffnung, dass es auch einen Blick Richtung See hat. Er geht nachschauen und kommt dann mit einem neuen Schlüssel zurück. Das Zimmer nach hinten, das er mir nun aufschließt ist dunkel und kleiner. Dicht vor dem Fenster breitet eine Erle ihr dichtes Laubwerk aus. Mehr ist nicht zu sehen. Und es gibt kein zurück. Der Wirt bleibt unnachgiebig. Er habe schon alle Buchungsdaten geändert. Punkt. Auch eine nochmalige Bitte meinerseits prallt an ihm ab. Norddeutsche Klarheit. 

Ich bleibe frustriert zurück, die Aussicht (im wahrsten Sinne) auf anderthalb Tage im Dunkeln verderben mir die Stimmung. Missmutig räume ich das Zimmer um, schiebe den Tisch vor das Fenster und den dunklen, etwas verschlissenen, kunstledernen Sessel davor. So wirkt es schon etwas freundlicher – trotz Dunkelheit. „Das hast du nun davon“, höre ich meinen inneren Kritiker sagen. „Wärste mal mit dem zufrieden gewesen, was dir angeboten wurde“, legt er nach. Nun ist es aber gut, den kann ich gerade gar nicht gebrauchen. Raus hier, beschließe ich und dahin, woher die Pension ihren Namen hat: Zum Seeblick! 

Und der versöhnt mich. Ein Biergarten vor einem großen Wiesenhang mit einem Imbiss-Pavillon. Ein großer Nussbaum und zwei Kirschbäume spenden Schatten. Und auf das Dach des Pavillon führt eine breite Holztreppe wie eine Tribüne. Hier kann man abends sitzen und in den Sonnenuntergang blicken. Der See schaut an einigen  Stellen zwischen Bäumen hervor. Er liegt sozusagen im Tal und ein Pfad führt über die Wiese zum 600m entfernten Badesteg am Seeufer. 

Hier im Biergarten werde ich heute Abend und morgen sitzen und meine Hausaufgaben machen. Drei Tage Reisetagebuch habe ich nachzuholen. Und dann werde ich endlich auch ins Wasser springen und mich nicht nur von ihm durch die Landschaft leiten lassen. Denn wie sagte der Mann bei den Stockrosen: Am Freitag – und das ist morgen – kommt der Sommer wieder.

Von Fehmarn zum Grünen Band

Um 11:20 Uhr passiere ich wieder die Fehmarnsundbrücke – diesmal in der anderen Richtung. Der Deutsche Wetterdienst hatte wieder die rote Windhose in seiner App gehisst und so fiel mir die Wahl nicht schwer. Aus dem Busfenster sehe ich Radfahrer, die ihre Räder ohne Schieflage über die Brücke schieben. Von vorne kommt sogar eine Radlerin mit einem kleinen Hund im Lenkerkorb. Na die hat Nerven! Ich bin jedenfalls froh im Bus zu sitzen, auch wenn die Böen sich laut Wetterbericht auf 60 km/h verringert haben. An der mir schon vertrauten Haltestelle in Großenbrode steige ich aus. Der Anfang der Strecke bis Oldenburg in Holstein ist mir ganz vertraut. Doch auf dem Marktplatz lässt mich diesmal eine Installation innehalten. Ein wandernder Mönch ist darauf zu sehen und drei Fragen neben seiner Gestalt: 

Woher kommst du?
Wohin gehst du?
Wo wirst du bleiben? 

Das sind auch die Fragen, die mich auf der Tour umtreiben. Heute kann ich alle ganz profan beantworten: Aus Fehmarn von Franzi und Sebastian! Nach Süsel! Bei Swantje und Micha!

So auf die Reisebasics zurückgeworfen beschließe ich dem Mönch zu folgen und schlage seinen Radweg ein. Dabei fällt mir ein Spruch ein, der sich mir aus einem Roman von Johannes Mario Simmel eingeprägt hat: „Ich bin, ich weiß nicht wer, ich komme, ich weiß nicht woher, ich gehe, ich weiß nicht wohin, mich wundert, dass ich so fröhlich bin.“ Ich war 16 als ich das Buch las und den Spruch kann ich seit damals auswendig.

Ja, das bin ich wohl – fröhlich – meistens jedenfalls. Und so radele ich munter einen kleinen Kanal entlang und lande auf dem Hof eines Gemüsebauerns. Eigentlich will ich nur eine große Möhre fotografieren, die an seiner Scheune angebracht ist, doch da er mitten im Hof steht, komme ich nicht umhin, ihm zu sagen, was mich zu ihm treibt. „Die Möhre steht für seinen Spitznamen“, erklärt prompt ein Freund, der neben ihm steht. „Wöddel“, dass sei der plattdeutsche Name für Wurzel – sprich Möhre. Ich kann nichts möhrenhaftes an ihm entdecken. Außer dass er schlank und groß ist und ihm die Haare etwas strubbelig vom Kopf abstehen. Aber rot sind sie nicht. Wahrscheinlich hat er den Spitznamen ja wegen seines Berufs. Aufs Foto bekomme ich ihn allerdings nicht und so nehme ich sein umgekehrtes Angebot an und setze mich selbst unter der Möhre. Meine Regenjacke hat jedenfalls die passende Farbe. 

Überhaupt erscheinen mir die Norddeutschen gar nicht so wortkarg wie ihr Ruf.  Auf dem Mönchsweg über die Dörfer radelnd, halte ich an einem Haus an, vor dem blühende Stockrosen in dunkellila, rosa und weiß stehen.

Sie sehen zauberhaft aus und ich fotografiere sie mit Hingabe und aus verschiedenen Blickwinkeln. Als ich fertig bin und wieder auf mein Rad steigen will, höre ich eine Stimme hinter mir: „Wie schön, dass ihnen die Blumen so gut gefallen.“ In der Einfahrt gegenüber steht ein flotter Rentner mit Kaffeebecher in der Hand, der mir offenbar schon eine Weile zugeschaut hat. Er sucht offensichtlich zu seinem Kaffee noch eine Plauderei und so reden wir ein bisschen über Stockrosen und das Wetter. Seinen Satz „Ab Freitag wird es wieder Sommer!“ nehme ich als mein Aufbruchssignal, steige aufs Rad und stemme mich gegen den Wind, der heute meist von vorn kommt und auch einzelne Regenwolken vor sich her treibt. Die nächste scheint im Anmarsch zu sein und da will ich noch etwas Land gewinnen.

Kurz vor Kloster Cismar erwischt mich der Regen, aber es ist nur ein zarter Schauer, der gleich weiterzieht. Doch die nachfolgende Wolkenschar ist dichter, ereilt mich an der Ortseinfahrt von Neustadt in Holstein und spült mich dort in die Bäckerei am Marktplatz. Schade, so kann ich gar nicht die Seepromenade würdigen, die mir vor lauter Nässe auf meiner Brille nur verschwommen vorbeizufliegen schien. Nach einem Butterkuchen ist es 17 Uhr, die Bäckerei schließt und ich habe nur noch 8 Kilometer bis zu meinem Ziel.

Die Fahrt dahin im Gegenwind vertreibe ich mir damit, dass ich den heutigen Tag noch einmal Revue passieren lasse: Wind, Felder, Endmoränenlandschaft, ein Mönch, Möhren, Stockrosen, nette Männer, Regenschauer und noch mal Wind.

Und damit bin ich bei dem letzten Punkt der Mönchsweisheit angelangt. Wo bleibst du? Auf mein Klingeln öffnet Micha die Haustür. Das Abendessen ist schon vorbereitet und den Zeitpunkt bis Swantje heimkommt, überbrücken wir mit einem frischen Frascati. Micha ist gerade von einer Motorrad-Scout-Tour zurück und passenderweise war er in einer Gegend, in die mich meine Fahrt entlang des grünen Bandes auch führen wird. Victors Hotel in der Nähe von Duderstadt merke ich mir gleich vor und natürlich werde ich auch das Zisterzienserkloster in Walkenried im Harz besuchen und dafür richtig Zeit einplanen. Denn nach Michas Beschreibung, könnte man dort auf den Spuren des Wirtschaftimperiums der weißen Mönche gut die Zeit vergessen, so spannend sei die Ausstellung. 

Das Abendessen ist dann jenseits allem, was sich Mönche auf ihren Wanderungen an irdischem Labsal vorstellen konnten. Köstliches frisch eingelegtes Gemüse als Vorspeise gefolgt von einer Pasta zum Niederknien – um im Mönchsjargon zu bleiben. Und so sinke ich wenig später ganz selig in das mir bereitete Bett. 

Am nächsten Morgen bekomme ich beim Aufbruch auch noch ein Verpflegungspaket mit auf den Weg – bestehend aus zwei Hamburger Schnitten. Das ist Schwarzbrot mit Käse belegt und einem Weißbrotdeckel. Damit auf beste ausgerüstet starte ich frohgemut in den Tag, der mich zum Einstieg auf ‚meinen‘ Eurovelo 13 bringen wird. Diesmal radle ich das deutsche ‚Grüne Band‘ entlang. Vom Priwall im Norden bis zum Dreiländereck bei Hof, das ja mittlerweile schon zum Dreh- und Angelpunkt meiner Alleintouren geworden ist. 

Doch vorher halte ich meine Nase noch einmal in den Ostseewind. Verheissungsvoll glitzert das Wasser zwischen den Strandkörben, als ich nach wenigen Kilometern Haffkrug erreiche. Doch für einen Morgenschwumm ist es mir immer noch zu frisch. So radle ich die noch morgendlich leere Promenade entlang und sehe zu, wie die Ferienorte allmählich erwachen. Die ersten Strandkorbverleihe öffnen und ein Strandkorbvermieter verweist mich auch gleich mit ausgestrecktem Arm auf den Radweg, der in gehörigem Abstand vom Strand entlang führt. Immerhin ruft er mir ein freundlichen „Danke“ hinterher, als ich seinem Hinweis folge. So radele ich über Scharbeutz und Timmendorfer Strand nach Travemünde. Die Strandkörbe stehen dicht gedrängt am ansonsten noch ziemlich leeren Strand. Alles wirkt aufgeräumt und bereit. Noch haben erst wenige Bundesländer Ferien und mehr als 22 Grad sollen es heute auch nicht werden. Warm genug allerdings, dass ich mich an der Travemünde Promenade in den Strandkorb eines Cafés setze und mit einem Kaffee Abschied von der Ostsee nehme. 

Die Fähre zum Priwall ist gleich um die Ecke und um 12:30 Uhr setze ich zum zweiten Teil meiner Radreise über. Vorbei die Freundesbesuchsrunde, jetzt heißt es wieder: Das Rad, der Weg und ich. Die 13 im Sternkreis der Europäischen Union hängt schon unter dem nächsten Radwegschild. Das grüne Band erwartet mich.

 

 

 

Wie der Wind weht

Um kurz vor 10 Uhr starte ich. Es ist mein dritter Tag, den ich in diesem Jahr auf meiner Tour durch Deutschland unterwegs bin. Ich bin an der Ostsee am Schönberger Strand, wenige Kilometer unterhalb der Kieler Förde. 80 Kilometer liegen heute vor mir. Der Wind kommt direkt von hinten und ich radele beschwingt am Deich entlang. Nicht wie gestern vor dem Deich direkt am Strand, dafür weht es heute zu stark. Böen bis zu 75 h/km sind angesagt. Die Landschaft fliegt neben mir her und die nächsten 10 km an der Landstraße entlang stören mich gar nicht, so flott gehen sie vorüber. Der Wind fegt über die Landschaft und lässt sie silbern glitzern. Ich genieße die leichte Fahrt, fühle mich aufs Angenehmste vorwärts geschoben und mache kaum Pausen, außer um zu fotografieren und aufs Klo zu gehen. Es gibt sehr gepflegte öffentliche Klos hier an der Ostsee. Das war mir gestern schon aufgefallen.

In Hohwacht blicke ich von einem Aussichtspunkt auf den Klippen Richtung Fehmarn – meinem heutigen Ziel. Doch die Insel verbirgt sich in Diesigkeit. Dann geht es über hölzerne Brücken durch ein Binnenseegebiet, in dem Seeschwalben über dem Broek (das ist eine Verbindung zwischen Binnensee und Meer wie ich von einer Infotafel erfahre) flatternd in der Luft stehen und dann die Beute im Auge aufs Wasser runtersausen.

Eine Ecke weiter pickt ein Kiebitz im nassen Sand. Bei Kiebitzen denke ich immer an meinen Opa, von dem ich das Wort kiebitzen gelernt habe. Er war ein durchaus gewiefter Kartenspieler.

Ich würde ja an einem Café anhalten, aber nichts, was sich am Wegrand anbietet, gefällt mir. So fahre ich weiter, komme nach Oldenburg und mittlerweile knurrt mir deutlich vernehmbar der Magen. In der mäßig hübschen Fußgängerzone finde ich eine Bank und esse dort mein mitgenommenes Brötchen. Die Eisdiele verlockt mich nicht zum Bleiben, es windet zu sehr. Von Oldenburg fahre ich wieder an die Küste nach Heiligenhafen, finde dort aber auch nichts Hübsches zum Verweilen und so nähere ich mich der Fehmarnbrücke, die schon am Horizont zu sehen ist. Eine junge Radfahrerin überholt mich und fragt mich, ob ich mit Übernachtungen unterwegs sei. Ich erzähle ihr, dass ich eine Freundin auf Fehmarn besuche. „Na, dann lassen sie sich mal nicht von der Brücke pusten“, ruft sie mir zu. So ein Quatsch denke ich, lache sie an und sage: „Bestimmt nicht!“ Eine halbe Stunde später denke ich das nicht mehr, als ich das Fahrrad schiebend auf der Brücke ankomme und mich nicht weiter nach vorne traue. Der Wind knattert laut und wie durch einen Verstärker in meinen Ohren, er kommt jetzt rechtwinklig von der Seite und es kostet mich alle Kraft, mich gegen ihn zu stemmen und mich und das Fahrrad dabei weiter nach vorne zu schieben ohne dass der Wind es mir aus den Händen reißt. Ich schaue nach vorne, sehe die lange Strecke (der Anfang des Brückenbogens liegt noch 10 Meter vor mir) und gebe auf. Das Knattern des Windes und seine unberechenbare Kraft machen mir Angst und nach kurzem Zögern, drehe ich um. Was auch nicht einfach ist, denn der Weg ist schmal und vom Brückengeländer und Fahrbahnpollern begrenzt. Als ich wieder die Gittertür am Brückenzugang erreiche, will gerade ein junges Paar mit seinen Rädern hindurch. „Tut das nicht. Das geht nicht“, platze ich heraus. Ratlos schaut mich das Pärchen an, während sich fünf männliche Radfahrer meines Alters nähern. Noch atemlos berichte ich von meinem Brückenerlebnis. „Aber wir müssen rüber“, sagt einer der Männer. „Wir haben drüben das Hotel gebucht.“ „Kommen sie mit,“ meint ein anderer von ihnen. „Wir nehmen Sie in unsere Mitte.“ Aber ich will nicht mehr, auf keinen Fall. Der Schreck sitzt tief. So schieben die sieben los und ich rufe meine Freundin Franzi an. 

„Ich komm nicht über die Brücke“, rufe ich ins Handy. „Gibt es nicht eine Fähre?“ „Nein – seit es die Brücke gibt nicht mehr“, meint sie gleich. „Aber der Bus müsste dich in Großenbrode eigentlich mitnehmen. Ich recherchiere das.“ Ihre ruhige Stimme zu hören tut gut und so mache ich mich schon etwas erleichtert auf den Weg zurück in den Ort. „Der X85 sollte dich mit dem Fahrrad mitnehmen“, meldet sich Franzi kurze Zeit später. „Er fährt vorm Rathaus ab.“ Wenig später habe ich die Bushaltestelle erreicht. Eine Anzeigetafel zeigt dort die nächsten Abfahrten an. 17:25 Uhr in Richtung Lübeck. 17:31 Uhr Richtung Puttgarden. Na, hoffentlich nehmen die auch das Rad mit. Ich frage den ersten Busfahrer, der mit dem 17:25 Bus kommt. Ja, meint er, der Kollege nimmt sie mit. Machen sie schon mal den Akku ab. Das tue ich, verstaue ihn in der Packtasche und warte gespannt. Der Bus kommt pünktlich und der Busfahrer schaut mich ernst an. „Ach so“, antwortet er auf meine Frage, ob er mich und das Fahrrad mitnehmen könnte. „Sie machen eine Radtour und dann wollen sie mit dem Bus fahren.“ Er schüttelt den Kopf und ich fange an, ihm meine Brückengeschichte zu erzählen in der Meinung, er wolle mich abweisen. Da merkt er wohl, dass mir mein Sinn für Humor gerade komplett verloren gegangen ist, steigt aus seinem großen Bus und nimmt sich meines Rads an. „Packen sie mal vorne an“, sagt er. „Wir heben das Rad in den Bus rein.“ Ich will noch die Taschen abmachen. Das sei nicht nötig, sagt er und schaut mich dann kurz an. „Und seien Sie mal nicht so aufgeregt.“ Da merke ich, wie mir der Schreck immer noch in den Knochen sitzt, und packe den Lenker.

Wenig später fahren wir in dem großen Bus sanft über die Brücke und schon eine Viertelstunde später steige ich am Bahnhof in Burg aus. Von da geht es noch zweimal um die Ecke und dann stehe ich vor Franzis und Sebastians Haus. Es ist kurz nach sechs, als mir Franzi die Tür öffnet. Selten war ich so froh, angekommen zu sein. 

Sibyllen am Himmel

Meine gestrigen Kopfschmerzen sind zum Glück am Morgen verschwunden und nach einem großartigen Frühstück – die Tschechen verstehen sich aufs Frühstück machen in ihren Ferienlagern – starte ich frohgemut gegen 9 Uhr. Es ist Tag 13 meiner Tour. Mein Ziel ist eine Herberge, an der ich letztes Jahr vorbeigekommen war und die mitten im Novohradské Hory liegt, einem Bergland im Grenzgebiet zu Österreich. Diesmal möchte ich gerne dort übernachten. 

Die Route führt durch den Wald und es ist mit 22 Grad morgendlich frisch. Ein grosses blaues Kreuz steht plötzlich links im Wald, später kommt ein rotes auf der anderen Seite. Wenn noch ein weißes käme (was nicht kommt), wären die tschechischen Farben beisammen. Ein Reh geht weiter vorne über den Weg. Alles fühlt sich heute gemächlich und im Lot an. Es ist Sonntag. Wenig später entdecke ich gebückt stehende Menschen im Wald und da erst erkenne ich, dass der ganze Waldboden mit Heidelbeerbüschen bedeckt ist. Die Sammler sind sehr professionell mit Beerenkämmen ausgestattet. Etwas später in einem kleinen Ort mit hübsch herausgeputzten Häusern ist in einem Garten eine Familie unter einem Kirschbaum mit Leitern und Eimern versammelt. Es ist Obst-Erntezeit.

Immer wieder weht mir auf der Fahrt köstlicher Lindenduft um die Nase. Die Linden, die hier häufig die Straßen säumen, stehen in voller Blüte. Als ich die Kleinstadt Nové Hardy erreiche, komme ich in die Gegend meiner letztjährigen Tour. Den Ort hatte ich damals ausgespart und natürlich finde ich auch hier am Hauptplatz ein kleines Café und lasse mich dort nieder, um die Atmosphäre des Ortes aufzunehmen. Dieses Café hat eine kleine exquisite Kuchenauswahl und ich entscheide mich für ein Schokoladentörtchen zum Cappuccino. Dann geht’s nach einer kurzen Besichtigungsrunde durch den Ort (Burg und alte Schmiede von außen) weiter.

Am Hang, auf den ich zufahre, zeichnet sich ein großes helles Gebäude ab. Sollte das die Wallfahrtskirche sein, in der ich letztes Jahr war. Je näher ich dem Berghang komme, umso sicherer bin ich. Das ist die Kirche mit dem schönen Himmel in der Kuppel. Was für ein Zufall, dass sich ausgerechnet dort mein Weg von letztem und diesem Jahr trifft. Damals war ich dort vom regulären Eurovelo 13 abgebogen, um zu einer Unterkunft auf der österreichischen Seite zu fahren. 

Als ich in Dobrá Voda ankomme, gehe ich natürlich wie letztes Jahr in die Wallfahrtskirche Maria Trost. Das muss jetzt schon sein! Sie ist zwar sehr Barock und golden, aber sie hat, wie gesagt, diesen schönen Himmel. Und unter diesen setze ich mich wieder in die Kirchenbank und schaue hoch. Und siehe da. Als ich dieses Mal hoch blicke, entdeckte ich in den Ecken, die den Himmel umrahmen, Frauen. Wie ungewöhnlich, sonst sind da doch in der Regel heilige Männer als stützendes Beiwerk. Und als ich genauer hinschaue, entdecke ich: Es sind Sibyllen! Na sowas! Acht von ihnen, je zwei an jeder Ecke. Die hatte ich letztes Jahr nicht gesehen. Eine kleine Gänsehaut überläuft mich. „Das hat ja schon was Mystisches“, denke ich. „Das kann kein Zufall sein.“ Ich sollte offenbar noch mal hierher kommen. Ganz ehrfürchtig sitze ich nach diesem Sibyllentreff noch eine Weile in der Kirchenbank.

Dann mache ich mich wieder auf den Weg zu meinem Rad. Das steht vor der Kirche und neben ihm hat noch eine andere Radlerin geparkt, die geschäftig mit ihrer Wasserflasche hantiert. Ob ich mir schon was vom Heilwasser in meine Flasche abgefüllt hätte, fragt sie mich mit österreichischem Akzent und stellt sich vor: „Ich bin die Aloisia!“ „Sibylle“, antworte ich und frage mich, wer im Himmel mir jetzt diese resolute Erscheinung geschickt hat. Heilwasser! Das erklärt, warum mehrere Menschen gerade vor den zwei Brunnen unterhalb des Treppenaufgangs zur Kirche Schlange stehen. Das hatte ich noch völlig in Gedanken versunken gerade beim Vorbeilaufen mit halbem Auge bemerkt. „Dobrá Voda (der Name des Ortes) heißt doch auf deutsch ‚Gutes Wasser'“, klärt mich Aloisia auf. „Und in Österreich heißt der Ort Brünnl.“ Also hole ich meine Wasserflasche und gehe zu den Brunnen. Wo ich denn hinführe, will Aloisia nach meiner Rückkehr wissen. Nach Žofín sage ich. Da müsse sie auch hin, da könnten wir doch zusammenfahren. Sie käme vom Schramml-Fest in Litschau, plaudert sie munter weiter, wobei ihr Ton mir klarmacht, dass es sich offenbar um ein bekanntes Fest handelt. Ich nicke und schweige, um mir keine weitere Blöße zu geben. Immerhin kenne ich Litschau, da bin ich gestern dran vorbeigefahren.

Innerlich schmunzelte ich vor mich hin. Ihr Name lässt mich an den „Münchner im Himmel“ von Ludwig Thoma denken. Meine Eltern hatte eine Schallplatte mit dem Stück. Alois heißt die Hauptfigur, die sich als Engel Aloisius im Himmel so daneben benimmt, dass der liebe Gott ihn wieder auf die Erde zurückschickt. Mal sehen, welchen Auftrag Aloisia hat.

Also mache ich mich mit ihr auf den Weg. Sie fährt flotter als ich, wobei ich sie ein paar Jahre älter als mich schätze. Aber da vertut man sich ja leicht. Jedenfalls kennt sie sich aus. Sie kommt aus Freistadt, was kurz hinter der Grenze nach Österreich liegt. Für 16 Uhr ist ein Gewitter angesagt und sie will bis dahin zuhause sein. Ich bin eher besorgt, dass es in Žofín keinen Schlafplatz für mich gibt. „Das passt schon“, beruhigt mich Aloisa. Und wie sie das sagt, glaub ich es ihr sofort. Doch jetzt gilt es erst mal die Baustelle zu überwinden, die sich vor uns auftut. Ein riesiger Bauzaun versperrt den Weg. Dahinter klafft ein straßenbreites, tiefes und zehn Meter langes Loch in der Straße. Doch heute sorgt der Himmel für mich und lässt eine junge Radlerin von der anderen Seite des Bauzauns auf uns zukommen.  „An der rechten Seite geht’s mit Schieben“, sagt sie. „Da ist es nicht so steil.“ Gesagt getan. Aloisia stellt sich auch hier geschickter an. Ich habe wieder mal Probleme mit dem Schiebegang, der bei dem bröckelnden Lehm-Steingemisch und dem Anstieg von Nöten ist, aber nicht anspringen will. Irgendwann tut er’s dann doch. Und ich kann Aloisias „Brauchst Hilfe?“ dankend ablehnen.

Wenig später halten wir vor der Pension Žofín an. Das heißt: Aloisia wartet dort auf mich. „Pfiat di God“, sagt sie noch schnell zu mir und schon ist sie weg. Dabei hätte ich doch zu gern noch gewußt, was ein Schrammlfest ist. Aloisias Worte „Das passt schon“ im Kopf erklimme ich zuversichtlich die Stufen zur Herberge. Doch leider passt es nicht. Die Pension ist ausgebucht. „Na, deinen himmlischen Auftrag hast du nicht erfüllt, Aloisia“, denke ich. Da gibt es noch Luft nach oben in der Engelhierarchie. Also weiter auf Sibyllenart. Die nächste freie Unterkunft, die ich bei Booking.com entdecke ist nur 10 km entfernt. Auf geht’s.

Auch das Gewitter hat ein Einsehen mit meiner Verspätung und verschiebt seinen Ausbruch. Noch im Sonnenschein erreiche ich ein frisch renoviertes, schmuckes Anwesen, dessen herrschaftliche Tür verschlossen ist. Doch schon kommt eine Frau herbeigeeilt. Ihr Mann spräche Deutsch und käme gleich, gibt sie mir zu Verstehen. Und das tut er – mit Herzblut: Über sein Haus. Es ist sein ganzer Stolz. Schon als Kind hat er vor dem Gebäude gespielt, in dem seine Mutter damals arbeitete. Seit der Zeit war es ein Traum von ihm, einmal dort zu wohnen, erfahre ich. Ursprünglich war das Anfang des 20. Jahrhunderts gebaute Gebäude ein Armenhaus, dass 10 Familien Platz bot. 2017 – hundert Jahre später – konnte er das mittlerweile völlig heruntergekommene Haus erwerben und hat es mittlerweile in ein luxuriös anmutendes Anwesen verwandelt. Hinterm Haus gibt es eine Parkanlage mit Pavillon und Brunnen. Auf dieselbe schaue ich vom Balkon meines großzügigen Zimmers, auf dem ich Platz genommen habe und frohgemut auf den sich zuziehenden Himmel schaue. Auch das Abendessen ist gesichert. Die Schwägerin wird etwas für mich kochen. Als ich pünktlich um 19 Uhr erscheine, haben sich noch zwei weitere Reisende am Tisch eingefunden. Es sind zwei Frauen aus Prag, die auf dem tschechischen Grenzwanderweg unterwegs sind und hier ebenfalls vor dem Gewitter Unterschlupf gesucht haben. Auch sie wollten eigentlich in Žofín übernachten und waren dort ebenfalls abgewiesen worden. Froh, dass wir es hier so gut getroffen haben und jetzt gemütlich beim Essen zusammensitzen, entspinnt sich ein munteres Gespräch zwischen uns. Martina spricht zwar deutsch, zieht es aber vor englisch mit mir zu sprechen. Sie fürchtet zu viele Fehler im Deutschen zu machen. Eva spricht weder noch, doch Martina dolmetscht bereitwillig, während wir hungrig zarte Hähnchenschnitzel mit Kartoffeln vertilgen. Zum zweiten Glas Wein gesellt sich Honza, der Wirt, mit seiner Frau zu uns und jetzt geht es vergnügt dreisprachig weiter. Honza und Martina übersetzen abwechselnd für mich. Am Ende kennen wir die Liebesgeschichte des Ehepaars und das lange Werben Honzas um das Haus. Noch auf der Baustelle – die Renovierung des großen Hauses war fertig, aber die Wirtschaftsgebäude noch nicht – hätten sie damals geheiratet. Das war quasi die Initialzündung, denn als Hochzeits-Location ist die ‚Penzion Pod Krásnou horou‘ mittlerweile äußerst beliebt.
 

Ganz beseelt machen wir drei uns dann auf den Weg in unsere Zimmer, den Satz von Honza noch im Ohr: So Gäste wie uns, hätte er am Liebsten! Beim Abschied sind wir uns auch ganz einig. Solche Wirtsleute und solche gemeinschaftlich verbrachten Abende sind etwas ganz besonderes: Sternstunden am Reisehimmel.

Von meinem Balkon werfe ich noch einen Blick in die Nacht. Sie ist dunkel hier mitten im Bergland unter der tiefhängenden Wolkendecke. Doch vor meinem inneren Auge reißt noch einmal der Barockhimmel auf und wirft sein Licht auf die unter ihm sitzende Sibylle. Am Bett steht meine kleine Flasche mit dem ‚guten Wasser‘ aus Dobrá Voda. Noch ein Schlückchen und dann „Gute Nacht – Dobrou noc“.

Wieder auf dem Iron Curtain Trail

Ich starte um kurz vor 8 Uhr. Und denke, als ich auf den Hochdeich bei Zahorska Vez fahre: „Wie herrlich. So früh sollte ich es immer schaffen.“ 

Ein frischer, kühler Wind umfängt mich und ich genieße das Radeln. Es fühlt sich an, wie wieder angekommen. Ich auf ‚meinem‘ Iron Curtain Trail, dem Eurovelo 13. Ein großer Mäher fährt am Deichsaum entlang. Der Mann auf ihm winkt mir zu. Und dann ruft auch noch ein Kuckuck und heißt mich willkommen. Dabei ist es schon der vierte Tag meiner diesjährigen großen Radtour. Es braucht halt etwas, bis man richtig angekommen ist.

Die Strecke ist perfekt ausgeschildert und im nächsten Ort Suchohrad lässt mich ein großer roter Stern aus Beton am Wegrand anhalten.

Neugierig studiere ich die Infotafel, auf der verblasste Fotografien Schäferhunde zeigen. Offensichtlich wird hier an die tschechischen Grenzschutzhunde erinnert, die von 1955 bis 1990 im Einsatz waren. Ein ungewöhnliches Denkmal, um es vorsichtig auszudrücken. Nur 20 Meter weiter schaut ein Giraffenkopf über die Hecke. Auch ungewöhnlich, aber er lässt mich schmunzeln. Natürlich ist die Giraffe nicht echt, sondern aus LKW-Reifen. Kurzerhand erkläre ich den Tag zum Tag der Tierbegegnungen. 

Und prompt flattern um die nächste Ecke auf einem schattigen Waldweg Buchfinken tirilierend um mich herum. Weiter geht der Weg durch Rübenfelder, die bis an den Horizont reichen. In ihnen leben Hasen, die auch wenig Scheu zeigen und immer wieder hoppelt einer vor mir den Weg entlang. Als ich einmal bremse und anhalte, stoppt auch der Hase und fängt an, sich die Hinterpfote mit der Schnauze zu reinigen. Er rupft sichtlich an der Pfote. Da hat sich wohl was festgesetzt.

Wenig später tauchen am Horizont die kleinen Karpaten auf. Zartblau. Ich lasse innerlich einen kleinen glücklichen Seufzer los. „So schön, unterwegs zu sein.“ Und während ich weiter durch Rüben und Kürbisfelder in den March-Auen radele, philosophiere ich ein bisschen mit mir über den Unterschied zwischen Urlaub und Reisen. Ich komme zu dem Schluß, dass Reisen im Sinne von Unterwegs sein, ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Ein Teil, in dem ich mich ganz bei mir fühle. So ging es mir schon im Beruf. Am schönsten war es, „draußen“ bei den Kunden zu sein. Besuchsrouten zu planen. Jetzt sind es Fahrradrouten.

Kleine Bunker tauchen neben dem Deich auf. Sie sind gut erhalten. In den Dreißiger Jahren wurden sie nach dem „Anschluß“ Österreichs von den Tschechen nach dem Vorbild der französischen Maginot-Linie gebaut.  Sie kamen nie zum Einsatz und ihr Bau wurde nach dem Münchner Abkommen 1939 eingestellt. Seitdem stehen sie geduckt wie kleine Mahnwachen an unheilvolle Zeiten hier herum. 

Als ich gegen Mittag von der Slowakei nach Österreich hinüberfahre, habe ich auf der Brücke über den Grenzfluss March die nächste Tierbegegnung. Allerdings in einer übertragenen Weise oder genauer in einer überragenden. Große quadratische Netze hängen hoch vor kleinen Holzhütten entlang des österreichischen Flußufers. Die Szenerie wirkt, als wäre ich in ein anderes Jahrhundert geraten oder in ein fernes Land. Und in der Tat so ist es. Hier an der March darf nach einem Dekret von Kaiserin Maria Theresia, das bis heute gilt, mit sogenannten Daubelnetzen gefischt werden. Willkommen in der k.u.k. Monarchie. 

Mit Daubelnetzen – so lese ich bei meiner Mittagsrast vor dem March-Thaya-Zentrum in Hohenau nach – werden Zander, Wels, Karpfen, Hecht, Tolstolob und Amur gefischt. Letztere sind mir ebenfalls unbekannt und lassen mich eher an einen russischen Dichter und einen römischen Liebesgott denken. Dabei handelt es sich, wie ich weiter lese, bei beiden um Riesenkarpfen, die eine Länge bis zu 1,30 m bzw. 1,50 m erreichen können. Allerhand, da werden sich die Daubelnetze ganz schon biegen – oder „daubeln“ wie ich wortspielend vor mich hin denke.

Aus der k.u.k. Monarchie werde ich an dem hinter der Marchbrücke liegenden Grenzübergang abrupt ins hier und jetzt befördert. Der blaue Wohn-Container am Straßenrand ist eine improvisierte Grenzstation, die aber heute nicht besetzt ist. Wie lange werden die vor 35 Jahren mühsam geöffneten Grenzen noch so offen sein, wie sie es jetzt sind? Ich hoffe, noch lange und dass wir als EU das hinkriegen.

Aus diesen Gedanken holt mich wieder das Tierleben ab. Eindeutig ein Amphibienzaun, der da die Straße hinter dem Grenzcontainer säumt. Auch eine Grenzerfahrung für Kröten und Frösche, denke ich, aber immerhin gibt es alle ca. 20 Meter einen Durchlass auf die andere Seite. Am Ende der Straße steht ein Aussichtsturm. Natürlich klettere ich rauf, immer gut einen Blick von oben zu haben. Die Botschaft, die mir dort auf einer Infotafel präsentiert wird, ist auf den Punkt: „Wer Störche liebt, muss Frösche schützen.“ Wie sich der Satz auf unsere Grenzproblematik übertragen ließe, wäre ein trefflicher Diskussionsstoff.

Am Nachmittag, inzwischen bin ich schon in Tschechien, dem dritten Land des heutigen Tages, holt mich die harte Fahrrad-Realität ein: Der Akku ist am Ende. Gefesselt von all den Ausblicken und Gedankenspielen hatte ich ganz vergessen auf den Batteriestand zu achten. Als ich mit den letzten Bits in der untersten Unterstützungsstufe die nächste Hügelkuppe erreiche, erspähe ich mit einem erleichterten Seufzer ein modernes großes Gebäude. Ein Weingut wie sich nach 200 Metern herausstellt. Doch das große Tor ist zu. Enttäuscht fahre ich weiter und siehe da, hinter der Kurve gibt es ein offenes Gittertor, durch das ich beherzt auf das Gelände einbiege. Ich lande unterhalb des Gebäudes und entere den Werkshof. Dort stehen zwei Männer und schauen mich an. Ich stoppe vor ihnen, zeige auf meinen Akku und schaue sie hilfesuchend an. „Kaputt?“ fragt der eine. „Nein, nein“ antworte ich. „Nur Strom“ und mache eine Handbewegung als würde ich einen Stecker in eine imaginäre Steckdose stecken. „Chef nicht da“, sagt er dann. Na klar, das Tor war ja auch zu! Mit den Händen signalisiere ich 20 Minuten. 2 x zwei Hände und schaue dabei flehentlich. Angesichts meines Gesichtsausdrucks erbarmt sich der eine. Ich darf das Rad in die Halle schieben und er zeigt mir die Steckdose. Erleichtert lasse ich mich im Schatten vor der Halle auf den Boden sinken und lehne mich an die Betonwand. Es sind 34 Grad. Die Männer verschwinden im Hauptgebäude. Nach einer Weile kommt der eine zurück. In der Hand trägt er ein beschlagenes Weinglas, mit etwas hellrotem, perlenden drin und reicht es mir nach unten. „No Alkohol“ sagt er verschmitzt lächelnd. Ich bin ganz gerührt und schäme mich, weil mir so plötzlich nicht einfällt, was danke auf tschechisch heißt. Es schmeckt kalt und süß und köstlich.

Nach 20 Minuten kommt er wieder und wir gehen zu meinem Rad. Die mageren zwei leuchtenden Lichter auf meinem Akku, wobei das zweite von fünf erst zuckt, sehen nicht nach einer ausreichenden Ladung aus und ich schüttele zweifelnd den Kopf, um noch etwas Zeit zu gewinnen. „Bissi Deutsch“ sagt er, Gesprächsbereitschaft signalisierend. Offenbar hat er meine Bedenken verstanden. Er habe früher in Österreich gearbeitet, verstehe ich, aber jetzt seit 10 Jahren hier im Weingut und nix mehr Deutsch. Wo ich heute hinwolle. „Zu Marko“ sage ich, noch 10 km und „bissi bergauf“, wobei ich mit der Hand Hügel skizziere. Er nickt. Marko kennt er. „Gutes Essen!“ sagt er. Fünf Minuten später erlöse ich ihn, denn mir dämmert, dass er längst Feierabend hat. Hoffentlich komme ich mit der Ladung bis zu Marko. Zum Abschied reiche ihm die Hand, die er kräftig drückt.Děkuju“, sage ich. Danke. Das Wort war mir mittlerweile wieder eingefallen.

Das sind die Erlebnisse, die mich immer wieder bei meinem Reisen überwältigen. Wenn mir unerwartet jemand etwas Gutes tut. So wie dieser Mann, der mir in der Hitze ein Glas mit etwas köstlich Kaltem brachte.  

Die Akku-Ladung reicht übrigens gerade so. Und das Abendessen bei Marko ist wirklich köstlich. Ach ja: Zum guten Schluß meines Radeltags kreuzen noch zwei Rehe meinen Weg und springen durch das Weizenfeld neben der Straße. Sehr elegant sehen sie dabei aus, während ich den sanften Hügel neben dem Feld Richtung Marko hinabsause.