Folge dem Wasser
Kaum bin ich durch das erste mecklenburgische Dorf gefahren, da präsentiert sich mir schon das grüne Band: Als grüner Rasenstreifen einer Plattenweg-Allee. Ich fühle mich begrüßt!
Die Eurovelo 13-Route (EV13) führt mich von Dassow nicht auf dem direktesten Weg Richtung Lübeck, sondern dreht noch eine Runde über Schönberg. Ein wirklich schöner Ort, der seinen Namen verdient, denke ich, und bedauere den Umweg nicht. Backsteinhäuser säumen die Straße. Eins am anderen, kein Platz dazwischen, kein Garten davor, nur rote Häuser. Und erstaunlicherweise auch keine Autos. Ein Eindruck, wie der Ort vor 100 Jahren ausgesehen haben mag.

Als ich mich der ehemaligen Grenze nähere, taucht links ein großer Hügel auf, der auffällig planiert ist und da dämmert es mir. Die Deponie Schönberg, hier ist sie. Bundesdeutscher und westeuropäischer Giftmüll wurden dort von der DDR gegen Westgeld entsorgt. Der Name ist mir geläufig, nur nicht wo sich dieser Ort befand. Wie ich sehen kann, herrscht dort weiterhin rege Tätigkeit. Unter anderen, umweltbewußteren Bedingungen, wie zu hoffen ist.
Kurz darauf passiere ich den ehemaligen Grenzübergang in Schlutup und halte an der Grenzdokumentationsstätte an. Sie ist geschlossen und ich schaue mir die Aussenanlage mit ehemaligem Grenzzaun, Grenzposten und Gedenktafeln für vier Fluchtopfer an. Es ist immer wie ein grauer Schleier, der sich dabei über die eigene Stimmung legt. Hier wird Geschichte dokumentiert, die ich miterlebt habe.
Die ganze Gegend hat etwas Bizarres wie ein Zwischenreich. In einem Gewerbegebiet durch das ich anschließend fahre, ist ein geschlossenes Lager für Ersatzteile von Brieftauben. So steht es zumindest an der Hauswand. Scherz oder Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges? Samistat mit Tauben?

Während vor meinem inneren Auge ein beringter Schwarm mit regimekritischen Botschaften aufsteigt, lichtet sich das Gelände und vor mir liegt eine Seenlandschaft. Wo kommt die denn her? Am gegenüberliegende Ufer ist eine Prachtvilla zu sehen, malerisch machen sich Seerosen auf dem Wasser breit und eine Bank lädt zum Hinsetzen ein. Ein ziemlich abrupter Szenenwechsel.
Ich bin an der Wakenitz, die Lübeck mit dem Ratzeburg See verbindet und von niemand geringerem als dem Meeresforscher Jacques Cocteau liebevoll als der „Amazonas des Nordens“ bezeichnet wurde. Es ist ein Naturschutzgebiet, dass sich der ehemaligen innerdeutschen Grenze verdankt. So nah beieinander. Was für die Menschen in der DDR Eingesperrtsein bedeutete, bot der Natur Raum sich frei zu entfalten.
Durch dieses Feuchtgebiet schlängele ich mich auf schmalen erdigen Pfaden durch eine Waldlandschaft. Ab und an taucht die Wakenitz wieder auf, sagt kurz Hallo, dann geht es wieder durch das nächste Wäldchen. Einmal fährt ein Kanufahrer nur durch lichtes Gehölz getrennt an mir vorbei. So versöhnlich endet meine heutige Tagesetappe und passenderweise übernachte ich in einem Kanu-Camp. Es liegt am nördlichen Ufer des Ratzeburg Sees und hält einen Schäferwagen für mich bereit.

Noch liegt er in der Sonne, die den gemütlichen Innenraum aufgewärmt hat, in dem ich mich nach einem guten Abendessen im Fährhaus Rothenhusen genüsslich einrichte. Die Nacht ist kühl, aber die Decke warm genug. Nur die Blase treibt mich mitten in der Nacht hinaus. Mit einem Mückenstich in der Kniekehle kehre ich ins Bett zurück und schlafe weiter bis 7 Uhr. Dann erwacht die Wiese, an der mein Wagen steht, und erste Camper laufen an meinem Fenster vorbei zum Waschraum.
Es gibt kein Frühstück im Camp, aber einen Wasserkocher im Wagen. Schlauerweise habe ich Eduscho-Instanttütchen eingepackt und trinke das wärmende Etwas, während ich meine Sachen zusammenpacke. Um 8:40 Uhr „lege ich ab“ und radele Richtung Ratzeburg, wo ich frühstücken will. Von unterwegs schicke ich eine Nachricht an Ruth, deren Freund aus Ratzeburg stammt, ob sie mir eine Frühstücksempfehlung geben kann.
Ich bin auf der mecklenburgischen Seite des Sees und bestaune in Utecht – dem nächsten Ort – die Gutshäuser und eine schöne alte Baumallee. Die Nähe zu Lübeck hat offenbar geholfen, dass die alten Höfe saniert wurden. Und während ich das denke, kommt eine dunkle Mercedeslimousine mit Lübecker Kennzeichen aus der Seitenstraße. Na siehste!
Die Strecke führt mich auf und ab, der See ist mehr zu erahnen als zu sehen, nur manchmal blitzt er zwischen Bäumen in der Ferne hervor. Die Landschaft ist hügeliger als ich erwartet hatte. Endmoränenlandschaft halt. Auf Informationstafeln erfahre ich, dass es hier einen Gebietstausch gab, bei dem die britischen und die sowjetischen Besatzungsmächte 1945 Dörfer von der einen Zone in die andere verschoben. Mit erheblichen Folgen für die Bevölkerung im dann sowjetischen Teil. Wer früh genug davon erfuhr, packte häufig seine Siebensachen und machte sich auf den Weg zu den Briten. Die verlassenen Häuser in den Dörfern füllten sich bald darauf mit deutschen Kriegsflüchtlingen aus dem Sudetenland und Bessarabien (heute Moldawien). Die waren froh über eine neue Bleibe – egal in welcher Zone.

Als ich den Ratzeburger Dom erspähe, ist es immer noch bewölkt und mit 18 Grad auch nicht gerade warm. Von Bäk, einem Dorf das heute quasi ein Vorort von Ratzeburg ist, und damals zu den Briten kam, fahre ich am Hochufer des Domsees entlang durch Wald auf die Inselstadt zu. Ruth hat sich gemeldet und mir die Bäckerei am Marktplatz empfohlen. Ein guter Tipp. Die Bäckersfrauen sind gut drauf und es gibt herrliche Frühstückszusammenstellungen. Ich nehme das „Gute-Laune-Frühstück“ mit drei herzhaften Aufstrichen und einem süßen und lasse es mir schmecken. Lausche dabei dem ungewohnten Tonfall der Einheimischen. Er klingt so viel bestimmter als bei uns. So deutlich und klar.
Als ich die Bäckerei verlasse, stehe ich vor einem großen Gebäude, dass sich als Kirche entpuppt. Die einzige Querschiffkirche in Nordelbien steht aussen dran. Das klingt verheißungsvoll, das Wort Nordelbien klingt nach „Herr der Ringe“ und ich trete ein. Es ist ein besonderer Ort, das spüre ich gleich. Ungewöhnlich sowieso, so quer und wie ein Theatersaal eines Fürsten anmutend. Auf der linken Seite entdecke ich eine Figur, die ein halbmondförmigen Stuhlkreis umschließt. Es ist eine Bronzestatue, eine Figur von Ernst Barlach – „Lehrender Christus“ heißt sie – und die Stühle laden zum hinsetzen ein. Ein Ort der Stille. Zum Ankommen, was ich gerne annehme.
Ganz anders der Ratzeburger Dom. Hier herrscht Backsteinromanik. Ursprünglich unter Heinrich dem Löwen erbaut, besticht mich der Raum durch seine klare Struktur. Vor der Vierung hängt ein Triumphkreuz mit Jesus, Johannes und Maria. Das Kreuz ist als Lebensbaum dargestellt. Es ist das älteste Bildwerk des Doms (um 1260). Mal kein pures Leid. Um 12:15 Uhr gibt es eine Mittagsandacht, an der ich spontan teilnehme. Ein bisschen Segen für meine Reise kann nicht schaden.
Der Himmel ist immer noch bedeckt, als ich wieder aufs Rad steige und noch eine Runde durch die Inselstadt drehe. Auf dem Küchensee paddelt ein Kanu mit vielen Paddlern und Steuermann Ich denke sofort an den legendären Ratzeburger Achter. Auch wenn es „nur“ Kanuten sind. Vom Küchensee fahre ich zurück an den Domsee (beide sind Teile des Ratzeburger See) und mache mich auf den Weg zum Schaalsee, wo ich zwei Nächte verbringen werde. Auf der Seite, die auch getauscht wurde und zur DDR kam.
Doch bis dahin fahre ich auf dem grünen Band. Immer wieder führt die Strecke über Plattenwege, die an Kolonnenwege erinnern. Zum Teil beiderseits von Hecken gesäumt und damit windgeschützt. Die Norddeutschen wissen mit ihrer Windlandschaft umzugehen.

Infotafeln erinnern an die ehemalige Grenzbefestigungen. Bauern durften im Sperrgebiet nur niedrig Wachsendes anpflanzen, damit sich kein Flüchtender darin verbergen konnte. Der EV13 führt mich weiter nach Dechow, einem Ort der für seine schönen restaurierten reetgedeckten Häuser gerühmt wird. Am Dorfplatz finde ich etwas verschämt unter einer alten Eiche eine ummauerte Inschrift: „Vom Ich zum Wir – 1960“ steht da. Eine alte Schautafel präsentiert verblichene Fotografien. ‚Die Kollektivierung auf dem Land’ lautet die noch lesbare Überschrift. Hat wohl nicht funktioniert, das zwangsweise ‚Wir’, so lese ich die Botschaft des Ensembles. Wenn ich mich umschaue, sehe ich renovierte Höfe. Vor einem steht ein rotes Sportcabrio. Viele zufriedene Ichs, so sieht es hier aus.

Am Ortsausgang finde ich eine weitere Inschrift. Nicht verblichen, sondern stolz aufgestellt. Die Tafel steht vor dem Dorfgemeinschaftshaus, das – so ist darauf zu lesen – von den jetzigen Dorfbewohner in 60.000 freiwillig und unentgeltlich geleisteten Arbeitsstunden saniert wurde. Eine schöne Resonanz auf das verordnete Wir von 1960.
Und damit nicht genug. Dechow liegt an einem kleinen See, an den ich unvermutet gelange, als ich um ein altes Gehöft herum fahre. Auf einer Bank direkt am Wasser esse ich meine zweite Hamburger Schnitte von Micha. Der See gehört den Schwänen, kein Haus ist zu sehen. Wasserläufer bevölkern das Uferwasser und Libellen schwirren aus dem Schilf. Hier scheint die Welt völlig in Ordnung.
Jetzt ist es nicht mehr weit zum Schaalsee. Ich folge offenbar dem Wasser in diesem Abschnitt des Radwegs. Unvermutet ist es plötzlich da und überrascht mich. So geht es mir auch am Schaalsee. Ich lese wieder eine Tafel am Wegrand über ein geschleiftes Gut im Sperrgebiet, fahre um eine Ecke und da blitzt er mich aus dem Unterholz an. Eine kleine Badestelle, die sich einen Platz im Schilf erobert hat.
Eine Viertelstunde später bin ich da. Die Rezeption des B&B Seeblick hat gerade um 16 Uhr geöffnet und der hagere Wirt zeigt mir mein Zimmer im Nebenhaus. Es ist groß und hell aber nach vorne raus und ich frage ihn, ob es noch ein freies Zimmer nach hinten raus gibt – in der trügerischen Hoffnung, dass es auch einen Blick Richtung See hat. Er geht nachschauen und kommt dann mit einem neuen Schlüssel zurück. Das Zimmer nach hinten, das er mir nun aufschließt ist dunkel und kleiner. Dicht vor dem Fenster breitet eine Erle ihr dichtes Laubwerk aus. Mehr ist nicht zu sehen. Und es gibt kein zurück. Der Wirt bleibt unnachgiebig. Er habe schon alle Buchungsdaten geändert. Punkt. Auch eine nochmalige Bitte meinerseits prallt an ihm ab. Norddeutsche Klarheit.
Ich bleibe frustriert zurück, die Aussicht (im wahrsten Sinne) auf anderthalb Tage im Dunkeln verderben mir die Stimmung. Missmutig räume ich das Zimmer um, schiebe den Tisch vor das Fenster und den dunklen, etwas verschlissenen, kunstledernen Sessel davor. So wirkt es schon etwas freundlicher – trotz Dunkelheit. „Das hast du nun davon“, höre ich meinen inneren Kritiker sagen. „Wärste mal mit dem zufrieden gewesen, was dir angeboten wurde“, legt er nach. Nun ist es aber gut, den kann ich gerade gar nicht gebrauchen. Raus hier, beschließe ich und dahin, woher die Pension ihren Namen hat: Zum Seeblick!
Und der versöhnt mich. Ein Biergarten vor einem großen Wiesenhang mit einem Imbiss-Pavillon. Ein großer Nussbaum und zwei Kirschbäume spenden Schatten. Und auf das Dach des Pavillon führt eine breite Holztreppe wie eine Tribüne. Hier kann man abends sitzen und in den Sonnenuntergang blicken. Der See schaut an einigen Stellen zwischen Bäumen hervor. Er liegt sozusagen im Tal und ein Pfad führt über die Wiese zum 600m entfernten Badesteg am Seeufer.

Hier im Biergarten werde ich heute Abend und morgen sitzen und meine Hausaufgaben machen. Drei Tage Reisetagebuch habe ich nachzuholen. Und dann werde ich endlich auch ins Wasser springen und mich nicht nur von ihm durch die Landschaft leiten lassen. Denn wie sagte der Mann bei den Stockrosen: Am Freitag – und das ist morgen – kommt der Sommer wieder.




Woher kommst du?

So radle ich die noch morgendlich leere Promenade entlang und sehe zu, wie die Ferienorte allmählich erwachen. Die ersten Strandkorbverleihe öffnen und ein Strandkorbvermieter verweist mich auch gleich mit ausgestrecktem Arm auf den Radweg, der in gehörigem Abstand vom Strand entlang führt. Immerhin ruft er mir ein freundlichen „Danke“ hinterher, als ich seinem Hinweis folge. So radele ich über Scharbeutz und Timmendorfer Strand nach Travemünde. Die Strandkörbe stehen dicht gedrängt am ansonsten noch ziemlich leeren Strand. Alles wirkt aufgeräumt und bereit. Noch haben erst wenige Bundesländer Ferien und mehr als 22 Grad sollen es heute auch nicht werden. Warm genug allerdings, dass ich mich an der Travemünde Promenade in den Strandkorb eines Cafés setze und mit einem Kaffee Abschied von der Ostsee nehme.
Die 13 im Sternkreis der Europäischen Union hängt schon unter dem nächsten Radwegschild. Das grüne Band erwartet mich.
Eine Ecke weiter pickt ein Kiebitz im nassen Sand. Bei Kiebitzen denke ich immer an meinen Opa, von dem ich das Wort kiebitzen gelernt habe.

Am Hang, auf den ich zufahre, zeichnet sich ein großes helles Gebäude ab. Sollte das die Wallfahrtskirche sein, in der ich letztes Jahr war. Je näher ich dem Berghang komme, umso sicherer bin ich. Das ist die Kirche mit dem schönen Himmel in der Kuppel. Was für ein Zufall, dass sich ausgerechnet dort mein Weg von letztem und diesem Jahr trifft. Damals war ich dort vom regulären Eurovelo 13 abgebogen, um zu einer Unterkunft auf der österreichischen Seite zu fahren.
Und unter diesen setze ich mich wieder in die Kirchenbank und schaue hoch. Und siehe da. Als ich dieses Mal hoch blicke, entdeckte ich in den Ecken, die den Himmel umrahmen, Frauen. Wie ungewöhnlich, sonst sind da doch in der Regel heilige Männer als stützendes Beiwerk. Und als ich genauer hinschaue, entdecke ich: Es sind Sibyllen! Na sowas! Acht von ihnen, je zwei an jeder Ecke. Die hatte ich letztes Jahr nicht gesehen. Eine kleine Gänsehaut überläuft mich. „Das hat ja schon was Mystisches“, denke ich. „Das kann kein Zufall sein.“ Ich sollte offenbar noch mal hierher kommen. Ganz ehrfürchtig sitze ich nach diesem Sibyllentreff noch eine Weile in der Kirchenbank.
Wenig später halten wir vor der Pension Žofín an. Das heißt: Aloisia wartet dort auf mich. „Pfiat di God“, sagt sie noch schnell zu mir und schon ist sie weg. Dabei hätte ich doch zu gern noch gewußt, was ein Schrammlfest ist. Aloisias Worte „Das passt schon“ im Kopf erklimme ich zuversichtlich die Stufen zur Herberge. Doch leider passt es nicht. Die Pension ist ausgebucht. „Na, deinen himmlischen Auftrag hast du nicht erfüllt, Aloisia“, denke ich. Da gibt es noch Luft nach oben in der Engelhierarchie. Also weiter auf Sibyllenart. Die nächste freie Unterkunft, die ich bei Booking.com entdecke ist nur 10 km entfernt. Auf geht’s.
Auf dieselbe schaue ich vom Balkon meines großzügigen Zimmers, auf dem ich Platz genommen habe und frohgemut auf den sich zuziehenden Himmel schaue. Auch das Abendessen ist gesichert. Die Schwägerin wird etwas für mich kochen. Als ich pünktlich um 19 Uhr erscheine, haben sich noch zwei weitere Reisende am Tisch eingefunden. Es sind zwei Frauen aus Prag, die auf dem tschechischen Grenzwanderweg unterwegs sind und hier ebenfalls vor dem Gewitter Unterschlupf gesucht haben. Auch sie wollten eigentlich in Žofín übernachten und waren dort ebenfalls abgewiesen worden. Froh, dass wir es hier so gut getroffen haben und jetzt gemütlich beim Essen zusammensitzen, entspinnt sich ein munteres Gespräch zwischen uns. Martina spricht zwar deutsch, zieht es aber vor englisch mit mir zu sprechen. Sie fürchtet zu viele Fehler im Deutschen zu machen. Eva spricht weder noch, doch Martina dolmetscht bereitwillig, während wir hungrig zarte Hähnchenschnitzel mit Kartoffeln vertilgen. Zum zweiten Glas Wein gesellt sich Honza, der Wirt, mit seiner Frau zu uns und jetzt geht es vergnügt dreisprachig weiter. Honza und Martina übersetzen abwechselnd für mich. Am Ende kennen wir die Liebesgeschichte des Ehepaars und das lange Werben Honzas um das Haus. Noch auf der Baustelle – die Renovierung des großen Hauses war fertig, aber die Wirtschaftsgebäude noch nicht – hätten sie damals geheiratet. Das war quasi die Initialzündung, denn als Hochzeits-Location ist die ‚



Und während ich weiter durch Rüben und Kürbisfelder in den March-Auen radele, philosophiere ich ein bisschen mit mir über den Unterschied zwischen Urlaub und Reisen. Ich komme zu dem Schluß, dass Reisen im Sinne von Unterwegs sein, ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Ein Teil, in dem ich mich ganz bei mir fühle. So ging es mir schon im Beruf. Am schönsten war es, „draußen“ bei den Kunden zu sein. Besuchsrouten zu planen. Jetzt sind es Fahrradrouten.
Kleine Bunker tauchen neben dem Deich auf. Sie sind gut erhalten. In den Dreißiger Jahren wurden sie nach dem „Anschluß“ Österreichs von den Tschechen nach dem Vorbild der französischen Maginot-Linie gebaut.
Mit Daubelnetzen – so lese ich bei meiner Mittagsrast vor dem March-Thaya-Zentrum in Hohenau nach – werden Zander, Wels, Karpfen, Hecht, Tolstolob und Amur gefischt. Letztere sind mir ebenfalls unbekannt und lassen mich eher an einen russischen Dichter und einen römischen Liebesgott denken. Dabei handelt es sich, wie ich weiter lese, bei beiden um Riesenkarpfen, die eine Länge bis zu 1,30 m bzw. 1,50 m erreichen können. Allerhand, da werden sich die Daubelnetze ganz schon biegen – oder „daubeln“ wie ich wortspielend vor mich hin denke.
Nach 20 Minuten kommt er wieder und wir gehen zu meinem Rad. Die mageren zwei leuchtenden Lichter auf meinem Akku, wobei das zweite von fünf erst zuckt, sehen nicht nach einer ausreichenden Ladung aus und ich schüttele zweifelnd den Kopf, um noch etwas Zeit zu gewinnen. „Bissi Deutsch“ sagt er, Gesprächsbereitschaft signalisierend. Offenbar hat er meine Bedenken verstanden. Er habe früher in Österreich gearbeitet, verstehe ich, aber jetzt seit 10 Jahren hier im Weingut und nix mehr Deutsch. Wo ich heute hinwolle. „Zu Marko“ sage ich, noch 10 km und „bissi bergauf“, wobei ich mit der Hand Hügel skizziere. Er nickt. Marko kennt er. „Gutes Essen!“ sagt er. Fünf Minuten später erlöse ich ihn, denn mir dämmert, dass er längst Feierabend hat. Hoffentlich komme ich mit der Ladung bis zu Marko. Zum Abschied reiche ihm die Hand, die er kräftig drückt.












Bizarre Sandsteinfelsen säumen den Waldweg, ragen zwischen den Bäumen heraus und geben mir das Gefühl mich durch eine Urzeit zu bewegen. Dann öffnet sich der Wald, ich schaue auf die Hügellandschaft, die sich vor mir ausbreitet und es geht bergab. „Oh, oh, oh“ meldet sich die Bedenkenträgerin und versucht mir damit die Abfahrt zu vermiesen. „Das musst du alles wieder hoch!“ 35 Kilometer liegen hinter mir und der Akku ist mehr als halb leer. Die Bedenkenträgerin hat mittlerweile noch einen Gefährten bekommen. Den Hochrechner. Der kommt nach mehrfachem Rechnen an Hand des Streckenprofils auch zu dem Schluß, dass Nachladen eine gute Idee wäre. Und während die beiden sich gegenseitig bestärken und mir damit im Nacken sitzen, entscheide ich mich, am nächsten Gasthaus anzuhalten und dort sowohl mir als auch dem Akku etwas Stärkung zu gönnen.
Ich sause also Fürstenwalde entgegen in der beruhigten Gewissheit, in dem herrschaftlich klingenden Ort ein entsprechendes Etablissement zu finden. Es gibt dort auch einen Gasthof – genauer gesagt, es gab einen. Der Schriftzug am stattlichen Haus ist schon etwas verblichen und der hölzerne Aushangkasten für die Speisekarte hat nur noch Spinnweben anzubieten. Ob die Schließung Corona geschuldet ist oder die Wirtschaft keine Nachfolge gefunden hat, darüber nachzusinnen ist müßig. Auf jeden Fall gibt es hier keine Stärkung mehr. Der Fürst hat den Wald verlassen. Der Akku meldet nur mehr 23% Ladung und es kommen noch zwei Steigungen, die erste liegt direkt vor meiner Nase und erstreckt sich ausholend den Berg hinauf.
Die Haltestelle heißt „Gottgetreu“. Wenn das kein Zeichen ist, sage ich mir. Hier gibt es sicher Hilfe! Denke es und biege schon in das Örtchen ab. Vorm zweiten Haus sitzt ein alter Mann auf einer Bank, vor sich einen Rollator. Ich halte an und schildere ihm mein Problem. Er schaut mich skeptisch an – oje, die haben hier gar keinen Strom, schießt es mir durch den Kopf – und dann sagt er: „Was haben Sie gesagt? Ich hör nicht so gut.“ Ich lache ihn erleichtert an und äußere kurz und knapp meinen Wunsch: „Ich brauche eine Steckdose!“ und zeige auf den Akku. Keine fünf Minuten später hängt mein Fahrrad in der Garage am Strom und ich sitze mit dem alten Mann und seiner Frau auf der Bank vorm Haus.



Und als wüsste der Deich, dass ich mir wünsche, dass er immer weiter führt, pausiert er nur kurz vor einer Ortschaft, um dann am Ende der Dorfstraße links, wieder aufzutauchen. Und noch mal. Und noch mal. Und noch einmal. Doch dann ist da nach 55 Kilometern der Stein mit der 0,1 und der Deich ist endgültig zu Ende.
Ich lasse mich vor der Kirche auf eine der Bänke sinken. Da steht auch eine Flasche Wasser und ein Glas. Hier hat jemand wirklich an alles gedacht. Ich lehne mich an, schließe die Augen, lausche der Musik und lasse sie wirken. Und siehe da. Der Kopf schweigt tatsächlich für einen Moment, ich atme tief aus. Und spüre, dass sich dafür mein Herz ganz erfüllt anfühlt. Angekommen.

Jede Menge Schwäne sind darauf, ein weißer Fleck neben dem anderen. „Schwäne“, sage ich. „Ja“, sagt er und nach einer Weile: „Viele.“ Dann lachen wir beide. „Kennen Sie sich aus?“ versuche ich es weiter. Da erbarmt er sich und sagt sacht den Kopf schüttelnd: „Ich bin Angler.“